„Oscars, frische Oscars!“ Tjaja, es ist mal wieder Awards-Season – wie Pilze schießen sie aus dem Boden, die Trophäen und Statuetten unterschiedlicher Couleur. Die Oscars, so etwas wie der Trüffelpilz unter den Awards, werden hierzulande Sonntagnacht (vom 28. auf 29. März) „geerntet“. Die Oscar-Zeremonie ist in der Tat etwas für Feinschmecker und Masochisten: Es gilt nicht nur, trotz Gemeinsamkeiten („House of Gucci“) den Unterschied zur weniger genießbaren, gemeinen „Goldenen Himbeere“ zu erkennen; Europäer müssen sich durch die Sommerzeit (eine Stunde kürzer) und den Sendeplatz (2:00 Uhr MEZ) auch auf eine mitunter anstrengende, schlaflose Nacht einstellen (und Montag Urlaub nehmen!), wenn sie den Saison-Höhepunkt live miterleben möchten. Aber wer ist bitteschön so verrückt und macht das?! Haha… ha.

Dass Oscar-Saison ist, merke ich auch an der Sneak Preview. Die Chance für hochwertiges, oscarnominiertes Schauspielkino (statt Horror, Schnulze oder Klamauk) ist in diesen Wochen ungemein höher. So frohlockte ich auch, als der Überraschungsfilm neulich „Come on, Come on“ hieß – ein hervorragend bewertetes Schwarz-Weiß-Drama mit Joaquin Phoenix in seiner ersten Rolle nach „Joker“, dazu ein vielversprechender Newcomer (Woody Norman; den Namen merken!). Und tatsächlich: Trotz anfänglicher Skepsis war ich hin und weg von diesem Film. Nicht zuletzt, weil mich die darin verarbeiteten Themen wie das Elternsein, die Übernahme von Verantwortung oder der kindliche Blickwinkel persönlich begleiten werden.

Umso größer dann meine Verblüffung, als ich beim Wikipedia-Check „C’mon, C’mon“ (Originaltitel) gar nicht in der Liste der Oscar-Nominierungen vorfand. Genauso wird’s wahrscheinlich auch niemandem auffallen, wenn der Film bei den Chemnitzer Filmnächten in die „Oscar-Reihe“ einsortiert wird, hehe…

Dabei sind Schwarz-Weiß-Filme bei der Oscar-Jury eigentlich total im Trend: „Roma“ 2018, „Der Leuchtturm“ 2019, „Mank“ 2021, „Belfast“ 2022, um nur einige zu nennen… „Come on, Come on“ ist da weitaus zugänglicher, bodenständiger und authentischer als etwa „Mank“ oder „Roma“, die ich als verkopft und äußerst speziell in Erinnerung habe. Wenn aber Radiojournalist Johnny (Joaquin Phoenix) verschiedene Jugendliche zu ihrer Zukunft befragt oder sich mit seinem neunjährigen Neffen (Woody Norman) auseinandersetzt, entstehen natürlich wirkende Dialoge und interessante Dynamiken zwischen den Schauspielern, die noch lange nachhallen. 

Lieblingsfilm-Potential: Es fällt schwer, „Come on, Come on“ nicht zu mögen, wenn man sich auf das etwas langsamere Erzähltempo und das realistische Setting einlassen kann. „Ich mag solche Filme eigentlich nicht, da muss man immer über sein eigenes Leben nachdenken“, kommentierte meine Kino-Begleitung nach der Sneak – und sprach dem Film damit ein geheimes Kompliment aus. Wenn sich nämlich inspirierende Gedanken von der Leinwand auf den Zuschauer übertragen, ist das immer als Qualitätsmerkmal zu verstehen. 

Alternativ-Empfehlung der Woche: Bestimmt haarscharf am Oscar vorbeigeschrammt ist auch Michael Bay mit seinem Neustart „Ambulance“ – bei der wilden Verfolgungsjagd mitsamt Geiselnahme dürften Jake Gyllenhaal & Co. an so einigem vorbeischrammen und auch so einige Schrammen davontragen… Ein lauter Action-Thriller, nicht wirklich gemacht für die Awards-Bühne oder fürs schnucklige Programmkino, aber wie gemacht für die große Leinwand und den großen Popcorn-Eimer!

Jakob Nützler

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