Diversität- Zusammenarbeit- Digitalisierung- Pandemie- Streamingdienste- Exklusivität

Diese 5 Begriffe sind die wichtigsten und die vor allem am häufigsten benutzten Schlagworte aller, der im Rahmen des 5-tägigen Industrie-Events der 71.Berlinale stattfindenden, Veranstaltungen. Vom 01. bis 05. März 2021 haben sich mehr als 8.ooo offiziell Akkreditierte der Filmbranche virtuell in Berlin getroffen, um über das vergangene Jahr, den jetzigen IST-Stand und eine Reihe von möglichen Zukunftsszenarien zu diskutieren.

Der Tenor? Wir wissen genauso viel wie vorher, aber eigentlich noch weniger als vor 1 Jahr.

Was wir ohne Zweifel sagen können, ist, dass sich die Branche verändert hat und nie wieder die Selbe sein wird. Covid-19 sei Dank? Wir waren gezwungen monatelang zu Hause zu bleiben, aber unsere Sehnsucht nach Filmen und dem Erzählen berührender Geschichten auf klassischen 9mm hat sich nicht verändert. Ganz im Gegenteil. Sie ist noch größer geworden, weil unser eigenen Spielraum immer kleiner wurde. Und wer sind demnach die Gewinner? Selbstverständlich die Streaminganbieter Netflix© und Co. Jeder in der Kinobranche, einschließlich natürlich dem wichtigsten aller Erfolgsfaktoren- dem Zuschauer, geht mit dieser Erkenntnis anders in Gericht und eine Absprache oder gar Ignoranz dieser Position wäre fatal. Denn spätestens seit der einmaligen Regeländerung der Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences©, bei der dieses Jahr 2021 auch Filme ins Oscarrennen gehen, die keinen regulären Kinostart vorweisen können, werden wir uns zukünftig auf so Einiges gefasst machen müssen.

Vergessen ist der Aufschrei aus 2018, bei dem u.a. die internationalen Filmfestspiele von Cannes© netlfixproduzierte Kinofilme boykottierte und nicht mit ins Wettbewerbsprogramm aufnehmen wollte. Warum? Weil ihrer Meinung nach ein Film, der gleichzeitig online über die jeweilige Plattform, als auch offline auf der großen Leinwand seinen internationalen Kinostart erlebt, nicht auszeichnungswürdig und völlig regelunkonfrom wäre. Moment mal! Lass mich das mal rekapitulieren! Möchte in diesem Zusammenhang jemand Laura Dern ihren Oscar als beste Nebendarstellerin in „Marriage Story“ aus dem Jahr 2020 absprechen, weil dieser hauptsächlich über Netflix verfügbar und nur in ein paar exklusiven Screenings international auf der Leinwand zu sehen war? Ich denke nicht. Und Jeder der das tut, hat Kino im 21. Jahrhundert nicht verstanden.

Denn, auch wenn es keiner so richtig sehen mag und da vor allem so einiges an Kritik aus den Chefsesseln der altehrwürdigen Filmstudios heraus geübt wurde, ist es doch genau das, was das große und in diesem Jahr doch allzu gern benutzte Wort der Zusammenarbeit unterstreicht. Es klang fast wie etwas Revolutionäres und völlig Grenzüberschreitendes, wenn man dieses Wort der Zusammenarbeit, das so eigentlich nicht genannt werden darf, in den Mund nahm. Haben wir hier etwa das Rad neu erfunden? God help us- no. Die Leitung scheint nur etwas sehr lang zu sein. Wir müssen uns von nationalen Alleingängen im internationalen Haifischbecken der Filmproduktionen verabschieden. Es wird nicht nur eine deutsche oder britische oder französische Produktion sein. Nein. Es wird und muss eine internationale Koproduktion aus Deutschland/ Großbritannien und Frankreich sein. Definieren wir unser Ego also neu und lassen uns auf mehr Diversität ein. Oh ja. Auch so ein wunderschönes Thema, was das Rad neu zum laufen bringen und während der Berlinale sehr viele Diskussionen, Panels, Roundtables oder auch Präsentationen erst so richtig „wichtig“ erscheinen lassen sollte.

Stop-Recap!!! Erinnern wir uns kurz an die gesellschaftskritische Act Out-Aktion in der Süddeutschen Zeitung© vor einigen Wochen, in der 185 SchauspielerInnen aus Theater, Film und Fernsehen öffentlich ihr Gesicht zeigten und in einem Manifest niederschrieben, welche katastrophalen Zustände hier eigentlich vorherrschen. Es wurde uns gezeigt was, wer und vor allem wie die eigentlichen Akteure der darstellenden Kunst wirklich sind. Wunderschön, bunter als jeder Regenbogen und überaus talentiert, doch in den Augen der scheinbar so unvoreingenommen Industrie leider zu anders, um gezeigt zu werden. Wie war das also nochmal mit der Diversität? Und nein, es reicht nicht, wenn Rami Malek den, ja, wir müssen es an dieser Stelle doch noch einmal ganz direkt erwähnen, HOMOSEXUELLEN Freddy Mercury spielt und dafür international hoch gelobt wird. Excuse me? Warum ist seine Geschichte bitte so tragisch und warum muss sie erzählt werden? Genau, weil es uns die darstellende Industrie als ein MUSS auftischt. Sie erfindet sich in ihren eigenen homophonen Gebilden immer wieder neu und lobt sich dann am Ende der Saison mit einer Vielzahl an scheinbar prestigeträchtigen Auszeichung selbst. In meinen Augen ekelhaft und unnötig. Und ich betonte, dass wir bei dieser Betrachtung #Metoo, #TimesUp und #Oscarssoblack noch nicht einmal inhaltlich angedeutet haben.

Aber CoVid-19 bietet uns dahingehend eine zweite Chance. Denn auch wenn die Streamingdienste derzeit als ein Feind des Kinos angesehen werden, so sind sie doch im Hinblick des neu eingeführten cineastischen Begriffs der Diversität ein unabdingbarer Baustein. Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich weiß, dass eine Geschichte wie „Malcolm & Marie“ niemals ein Millionenpublikum wie die „Avengers“ ins Kino bringen wird. Und natürlich überlegen sich dann Produktions- und Distributionsstudios was ihnen 50 Personen im Kinosaal an Einnahmen bringen. Sie kommen zur Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt und niemals kostendeckend auszahlen würde. Und ja, nachträgliche Kassenschlager wie z.B.: „La La Land“, die im Vergleich zu den eigentlichen Produktionskosten und den späteren Einspielergebnissen als überaus erfolgreich zu betiteln sind, sind eher selten. Doch was passiert online? Netflix© und Co. nehmen sich des „nischigen“ Stoffes an, verfilmen es und bringen es über die eigene Platform an das weltweite Publikum. Denn für sie rechnen sich 50 Zuschauer in 50 Ländern ganz anders und ja, gehen wir dann noch entlang der exklusiven Kinoschiene á la „The Irish Man“ oder wie bereits erwähnt „Marriage Story“, dann kommen vielleicht nochmal 50 Zuschauer pro Kinosaal weltweit dazu. Wir können jetzt die Kette der filmischen Kostenrechnungen noch weiter spinnen, doch wir werden immer zum gleichen Ergebnis kommen. Über die Streamingplatformen können wir neue und diverse Filme sehen, die weder an inhaltlicher noch an produktionstechnsicher Qualität verlieren. Ihr denkt ich breche jetzt immer mehr eine Lanze für Netflix© und Co.? Jein.

In meinen Augen kann nichts auf dieser Welt einen Kinosaal mit gemütlichen Polstersesseln, den Geruch von frischem Popcorn, dem Abtauchen in neue Welt mit den fantastischsten Gesichten und dem Kino als Ort des Zusammenkommens Gleichgesinnter, Liebender oder neuer Bekanntschaften an Charme übertreffen. Kino ist exklusiv und wird auch zukünftig nichts an dieser Exklusivität verlieren, dessen sind sich alle Branchenvertreter einig. Doch wir müssen den Begriff der Exklusivität neu definieren. Es sind einfach nicht mehr nur exklusive Inhalte, ausgenommen hiervon natürlich das zu gern kritisiere neue Contentprogramm, bei welchem Mann und Frau im Kino Ballett-, Opern-, Konzert- und Theatervorführungen aus der ganzen Welt sehen kann. Noch vor Jahren als Unmöglichkeit und unangebrachten Platzhalter für Kinoprduktionen jeglicher Art angesehen, zeigt es uns heute auf die schönste Art und Weise auf, auf was es, neben der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, im Kino noch ankommt.

Digitalisierung. Eine Vernetzung auf ganz neuem Niveau. Es betrifft nicht nur die angesprochene Möglichkeit des „streamens“ anderer Kunstformen auf der großen Leinwand, und ja, bewusste Wortwahl, sondern auch der Möglichkeiten Inhalte zu bearbeiten und Informationen jeglicher Art innerhalb der Branche auszutauschen. Ich spreche hier von internationalen Skrippitches und E-Castings, der gefühlt zeitlgeichen Animation filmischer Inhalte in Finnland und Australien, dem Einspielen passender Filmmusik aus einer Vielzahl digital aufgenommen und bereitegsteller Instrumentalproben etc. Die Digitalisierung bietet uns die eine Möglichkeit schneller, globaler und in diesem Fall pandemieunabhängiger zu agieren. Das rein digitale Industrie-Event als erster Teil der diesjährigen Berlinale ist dabei nur ein Beispiel. Ich möchte an dieser Stelle niemals in Frage stellen, dass eine fcae-to-face Arbeit dadurch ersetzt werden kann und soll. Aber die Digitalisierung ist ein unabdingbares Mittel, um zu arbeiten und uns diesen Luxus auf zukünftig leisten zu können.

Doch wir wollen nicht nur im großen Stile Kritik an den Hauptthemen der ersten rein digitalen Berlinale üben, sondern auch die guten und vor allem für euch als Zuschauer wichtigen Faktoren sprechen. Innerhalb der letzten 5 Tage hatten wir 32 Events und 24 Screenings auf unserem Plan stehen. Es war eine neue und extrem interessante Erfahrung so zu agieren und sich einmal ganz anders zu vernetzen. In diesem Zusammenhang muss man der Berlinale und auch dem efm- dem european film market ein riesiges Lob für die extrem aufwendige Planung und der sehr guten digitalen Ausführung danken. Man muss sich nur einmal auf der Zunge zergehen lassen, dass es zeitweise über 12.000 Teilnehmer an Screenings und Events gab. Eine enorme Menge, die man meiner Meinung nach so gar nicht fassen kann, aber die mich irgendwie auch sehr glücklich stimmt. Wir wachen alle langsam wieder auf und auch wenn wir noch nicht einmal im Ansatz ein Ende im Pandemiedschungel sehen und sich keiner Prognosen anmaßen will, fühlen wir uns nach diesen 5 Tagen weniger verloren als davor.

Last but not least haben wir euch natürlich erste exklusive Einblicke bzw. Einschätzungen zu einigen der gesehenen Filmen und Serien bis zum Schluss dieses kurzen Beitrages aufgehoben. Wir haben für euch 24 Beiträge aus dem Wettbewerbsprogramm, der Sektion „Berlinale Special Gala“, „Encounters“, „Panaorma“ und vor allem auch aus der Sektion „Berlinale Series“ gesehen. Letzteres war im Vergleich zu den letzten Jahren und im Rahmen des „Berlinale Series Market“ ein sehr prominenter Teil unseres sogenannten screening-schedules. Ob dies mit einem nachweislich veränderten Verhalten der Zuschauer bezüglich des präferierten Konsums von Film und/oder Serien zusammenhängt, ist meiner Ansicht nach fraglich. Denn wir dürfen bei all dem Genuss nicht vergessen, dass es in den letzten 5 Tagen auch um sehr viel Geld ging. Es werden Filme und Serien verkauft, neue wertvolle Geschäftsbeziehungen geknüpft und Researchdaten des letzten sehr prägenden Jahres 2020 präsentiert, für die einige Firmen sehr hohe Summen zahlen würden. Hier nun also unsere ganz persönliche Top 3 der 71.Berlinale 2021 und sicher auch in der ein oder anderen Form während der 11. Filmnächte Chemnitz vom 01. Juli bis 29. August 2021 für euch auf der großen Leinwand zu sehen.

The Mauritanian„- Sektion „Berlinale Special Gala“- Thriller- 129 Minuten – Produktionsland: USA, Großbritannien- u.a. mit Jodie Foster (aktuelle Golden Globe Gewinnerin „Best Supporting Actress in a Motion Picture Drama“ für ihre Rolle als Nancy Hollander), Shailene Woodley und Benedict Cumberbatch- Synopsis: Mohamedou Ould Slahi wird nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Mauretanien festgenommen und ohne formelle Anklage ins Internierungslager der Guantanamo Bay Naval Base verschleppt. Im Rahmen eines aufkommenden „Approaches“, welcher die gültige Rechtmäßigkeit der Gefangenschaft aller Häftlinge auf der Grundlage einer vorliegenden Anklage prüfen soll, trifft Mohamedou auf die beiden Anwältinnen Nancy Hollander und Teri Duncan. Beide haben große Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Inhaftierung. Es beginnt ein spannender Politthriller um Gerechtigkeit, Recht und Ordnung und die unbändige Macht von Worten. – persönliches Fazit: Ich war nicht von der ersten Minuten an on board. Um ehrlich zu sein, sind solche Themen für mich schon sehr zäh und in hunderten Filmen bereits patriotisch bis ins kleinste Detail erzählt worden. Doch der Cast zog und ich wurde tatsächlich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, man ließ mich am Ende des Filmes kopfschüttelnd, erbost, schockiert und völlig erstaunt zurück. Wie kann man über 14 Jahre ohne rechtmäßig gültige und vor allem für den Zuschauer nachvollziehbare Anklage in einem der härtesten Gefängnis der USA (ein)sitzen und physisch wie auch psychisch mit einer absoluten Verständlichkeit gefoltert werden? Wie kann ein Rechtsstaat so unrechtmäßig sein? Ganz klar ein Film, der einen noch lange nach dem „Cut“ beschäftigt.

Finding Alice„- Section „Berlinale Series“- Dramedy- 6 Episoden á 60 Minuten- Produktionsland: Großbritannien- u.a. mit Keeley Hawes und Nigel Havers- Synopsis: Als Familie Dillon überglücklich in ihr neues smartes Zuhause zieht, konnte noch keiner ahnen, dass diese Glück schon nach nicht einmal 1 Nacht in die Brüche geht. Denn als der Familienvater Harry tot am Fuße der Treppe gefunden wird, beginnt das große Rätselraten um mögliche Motive, Manipulation, Betrug und der Frage: was gehört eigentlich uns und wer sind wir?- persönliches Fazit: Mit „Finding Alice“ ist es Roger Goldby auf grandiose Weise gelungen eine Reihe an Tabuthemen wunderbar plakativ und mit einer Prise dunklem Humor für jeden Zuschauer zugänglich zu machen. Von den kleinen Alltagsmacken, mit den man leben muss, wenn man ein Smarthaus sein Eigenheim nennt, über die Absurdität einer Bohrmaschine im Sarg oder der essentiellen Frage nach dem „Wie“. Wie geht es weiter, wenn ein geliebter Mensch von heute auf morgen einfach so aus dem Leben verschwindet? Wie kann ich weiterleben? Wie organisiere (m)ein neues Leben? Berührend und gleichzeitig urkomisch will man nach nur 2 Folgen definitiv mehr sehen.

Delicieux„- offizielles Festivalprogramm- Komödie- 112 Minuten- Produktionsland: Frankreich- u.a. mit Grégory Gadebois und Isabelle Carré- Synopsis: Frankreich- 1789- Nachdem der Koch Pierre Manceron nach dem Kredenzen einer gutbürgerlichen Kartoffelspeise vom Hofe des Grafen flog, versinkt er jahrelang in Selbstmitleid. Als sich bei ihm eines Tages eine Frau namens Louise meldet, die seine Praktikantin werden will, eröffnet sich für Pierre eine ganz neue Welt an Möglichkeiten sein unschätzbares Talent zu nutzen. Von Rückschlägen, Tot und Lügen gebeutelt, eröffnet er viele Jahre später zusammen mit Louise die erste uns heute als Restaurant bekannte Lokalität.- persönliches Fazit: „Delicieux“ ist eine wunderschöne Wohlfühlgeschichte rund um das Thema Verrat, Leidenschaft, gutes Essen und die Macht der Liebe. Sie verzaubert von Anfang an mit gemütlichen Bildern, scharfen Dialogen und einer Prise Hoffnung, dass am Ende doch noch alles gut wird.

Es sollte an dieser Stelle erwähnen werden, dass es natürlich noch eine ganze Reihe anderer grandioser Filme bzw. Serien im diesjährigen Berlinaleprogramm gab, die eigentlich ohne Zweifel hier auch mit in Erwähnung gezogen werden müssten. Doch ich denke, dass wir euch an dieser Steller schon genug gespoilert habe, denn ein paar Überraschungen wollen wir uns ja auch noch für den kommenden Kinosommer mit euch aufheben, oder? 😉

Anne Friedrich

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